Was von der Diskriminierung übrig bleibt

Wer über ungleiche Bezahlung oder den Gender Pay Gap redet, schreibt oder twittert kann sich sicher sein: Sofort kommt jemand, der die zitierte Statistik in Frage stellt. Weil einfach nicht sein kann was nicht sein darf. Diskriminierung? In Deutschland? 2012? Das gibts nicht. Das kann ja gar nicht sein. Da muss was an den Zahlen nicht stimmen. Da hat die Wissenschaft doch mit Sicherheit einen Fehler gemacht. Aber tatsächlich sind WissenschaftlerInnen nicht alle blöd. Einflussfaktoren von Entgelt wie Wochenarbeitszeit, Auszeiten oder unterschiedlich gut bezahlten Berufen können berücksichtigt und herausgerechnet werden. Was übrig bleibt sind ca. 8 Prozent Lohnungleichheit, die nicht anders erklärt werden können.

Glaubt ihr nicht? Dacht ich mir. Deshalb habe ich die beiden Wissenschaftlerinnen Lena Oerder und Sarah Lillemeier, die am WSI der Hans-Böckler-Stiftung zu Entgeltgleichheit forschen gebeten, die Aufdröselung des Gender Pay Gap nocheinmal genauer zu erklären:

Mit Erwerbsarbeit verdienen Männer in Deutschland durchschnittlich mehr Geld als Frauen. Die Diskussion über den Gender Pay Gap verläuft dabei häufig nach demselben Muster. Zunächst werden die 23 Prozent in den Raum geworfen. Nach dem ersten Schock ob dieser nicht unerheblichen Differenz werden die KritikerInnen auf den Plan gerufen. Dass man mit dieser Zahl überhaupt nichts aussagen könne, da sie ja offensichtlich die unterschiedliche Qualität und Quantität von „Männer-“ und „Frauenarbeit“ unberücksichtigt lasse.

Welche Aussagekraft haben nun die viel zitierten 23 Prozent? Klar ist, nicht alle Elemente, aus denen sich der Gender Pay Gap (GPG) zusammensetzt sind Entgeltdiskriminierung im rechtlichen Sinn. Wie Karin Tondorf anschaulich aufgezeigt hat, lässt sich der GPG in vier Ursachenkomplexe aufteilen. Es gibt zunächst Gründe für den Lohnunterschied, die weder ein Geschlecht diskriminieren, noch auf Chancenungleichheiten beruhen. Dies kann beispielsweise der Fall sein, wenn Frauen und Männer verschiedenen Tätigkeiten mit unterschiedlichen Anforderungen nachgehen. Dann gibt es Erklärungen, wie zum Beispiel längere Auszeiten nach der Geburt eines Kindes, welche sich auf die Schwierigkeiten der Vereinbarkeit von Familie und Beruf beziehen. Frauen verdienen auch deshalb im Schnitt weniger Geld als Männer, weil sie teilweise bei Beförderungen diskriminiert werden. Dies kann (und sollte) moralisch wie rechtlich verurteilt werden – mit der Diskriminierung beim Entgelt für gleiche und gleichwertige Arbeit hat dies allerdings nur mittelbar etwas zu tun. Diese ist, und das lässt sich nun mal nicht leugnen, auch ein Teil der 23 Prozent. Das statistische Bundesamt benennt die Zahl mit 8 Prozent. Wie kommt es hierzu?

Die Berechnung beruht auf einer ökonomischen Theorie der sog. Humankapitaltheorie. Dieser Theorie liegt die Annahme zugrunde, dass Personen mit einer besseren Ausstattung an Humankapital (gemessen am Ausbildungsniveau und der Berufserfahrung) produktiver sind  als andere und ihnen damit ein höheres Entgelt zusteht. Im Rahmen dieser Theorie wird zwischen legitimen und illegitimen Verdienstunterschieden differenziert. Legitim sind die Unterschiede, sofern sie auf einer unterschiedlichen Ausstattung mit Humankapital basieren. Die Idee hinter der Berechnung des Statistischen Bundesamtes ist, den Gender Pay Gap von 23 Prozent in legitime und illegitime Differenzen zu zerlegen. Als Ergebnis zeigt sich, dass zwei Drittel der Lohnlücke zwischen Frauen und Männern durch Unterschiede in den produktivitätsrelevanten Merkmalen gemäß der Humankapitaltheorie erklärt werden. D.h. unter Berücksichtigung verschiedener Eigenschaften von Frauen und Männern wie Bildung, Berufserfahrung, Arbeitszeit, Berufs- und Branchenzugehörigkeit  verringert sich mithilfe statistischer Verfahren die Verdienstlücke auf 8 Prozent. In diesen Fällen wird dann von einem bereinigten Gender Pay Gap gesprochen. Gemäß der Theorie sind diese 8 Prozent illegitim, da sie nicht auf einer unterschiedlichen Ausstattung mit Humankapital basieren.

Der bereinigte Gender Pay Gap wird in der Öffentlichkeit gerne als die relevante Zahl zur Bezifferung der Benachteiligung von Frauen bei der Entlohnung verkauft. Dabei wird jedoch ignoriert, dass bei der Berechnung dieses bereinigten Gaps eine ökonomische Theorie als Grundlage verwendet wird, die nicht eins zu eins die rechtlichen Gegebenheiten abbildet. Ein wesentlicher Faktor wird komplett ignoriert. Rechtlich gilt nämlich, dass Frauen und Männer nicht nur für die gleiche sondern auch für eine gleichwertige Arbeit ein gleiches Entgelt erhalten müssen. Das heißt, vereinfacht ausgedrückt, werden bei der Berechnung nur Arbeiten verglichen, die als gleich oder gleichwertig eingestuft sind. Sie berücksichtigt hingegen nicht, dass typische Frauenberufe oftmals nicht als gleichwertig zu typischen Männerberufen angesehen werden, obwohl sie dies nach geschlechtsneutralen Bewertungen eigentlich sind. Eine Überprüfung unter diesem Gesichtspunkt, könnte den unerklärten Teil sogar noch vergrößern. Der bereinigte (klein gerechnete) Gender Pay Gap von 8 Prozent sagt uns daher wenig über das tatsächliche Ausmaß rechtlicher Entgeltdiskriminierung von Frauen.

Nimmt man den bereinigten Gap allerdings als das was er beschreibt, nämlich dass Frauen mit einer vergleichbaren Qualifikation 8 Prozent weniger verdienen als Männer nur weil sie Frauen sind, dann ist auch bereits dieses Ergebnis alarmierend.

Wir können also festhalten, bei der Statistik liegt der Teufel im Detail. Statistiken zum bereinigten Gap können demnach keine gesicherten Aussagen über das Ausmaß der tatsächlichen Entgeltdiskriminierung treffen. Fakt ist aber, dass Frauen durchschnittlich in der Stunde 23 Prozent weniger verdienen als Männer, und das zum Teil aus Gründen, die nicht als Benachteiligung bei der Entlohnung im Rechtssinne angesehen werden. Diese, so wird es oft dargestellt, seien es aber kaum wert, sich darüber zu echauffieren, schließlich liegen sie ja gerade nicht in einer (Entgelt-)Diskriminierung begründet. Dies ist richtig. Richtig ist aber auch, dass allein das Ausmaß dieser Lücke Anlass zu gleichstellungspolitischem Handlungsbedarf geben muss. Richtig ist weiterhin, dass die Durchschnittsfrau am Ende ihres Lebens fast 60 Prozent weniger verdient hat als der Durchschnittmann. Diese „Lebenslohnlücke“ kann wohl kaum gewollt sein in einer Gesellschaft, die sich selbst als gleichberechtigt betrachten möchte, egal worin sie ihre Ursachen hat. Sie kann auch nicht weiterhin einseitig mit einem wahrgenommenen Wahlrecht der Frauen für Familie und gegen Karriere bagatellisiert werden. Wie eben gesehen, sind es mehr als die 8 Prozent Entgeltdiskriminierung, die nicht durch das Label der „Freiwilligkeit“ erklärt werden können. Bestes Beispiel hierfür ist der Vorwurf Frauen würden tendenziell schlechter bezahlte Berufe wählen. Dass dieses Argument zu kurz greift, wird deutlich, wenn verschiedene Berufe in ihrer historischen Entwicklung betrachtet werden. Beispielsweise hat der Beruf des Sekretärs als ehemalige Männerdomäne, mit der zahlenmäßigen Bedeutungszunahme von Frauen in diesem Beruf, nicht nur eine sprachliche Veränderung erfahren (wer heute von einem Sekretär spricht, meint wohl eher das Möbelstück), sondern auch einen erheblichen Prestigeverlust erlitten. Wandeln sich Frauenberufe hingegen in Männerberufe, eine Beobachtung die geschichtlich oftmals gemeinsam mit einer Professionalisierung einhergegangen ist, erfahren sie eine gesellschaftliche Aufwertung.  Die Medizin ist dafür ein gutes Beispiel. Während aus heilkundigen Frauen Krankenschwestern, Hebammen oder Arzthelferinnen wurden, nahmen Männer die Positionen akademisch ausgebildeter Ärzte ein. Vor diesem Hintergrund erscheint einerseits die Prüfung der Gleichwertigkeit verschiedener Tätigkeiten unerlässlich, wenn Aussagen über das Ausmaß der Ungleichbehandlung von Frauen und Männern getroffen werden sollen.

Spätestens wenn Frauen aufgrund dieser ganzen Entwicklungen am Ende ihres Lebens auf Transferleistungen vom Staat angewiesen sind, wird deutlich, warum die Gleichstellung der Geschlechter keine persönlich Aufgabe der einzelnen Frau, sondern ein gesamtgesellschaftliche ist.

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14 Antworten zu Was von der Diskriminierung übrig bleibt

  1. OldBoy schreibt:

    Irgendetwas muss ja man ja aus dem Gender Pay Gap an Diskrimminierung herauslesen, sonst wäre ja der ganz Aufwand für die Katz, nichtwahr?
    Tatsache ist, dass man aus einer Statistik nur das heraus lesen kann, was in der Datenbasis auch enthalten ist. Natürlich haben gerade die feministischen Wissenschaftler da etwas andere Fähigkeiten, die brauchen schon garkeine Daten und wissenschaftliche Arbeitsweise haben sie auch nicht nötig.

  2. Pingback: Mädchenmannschaft » Blog Archive » Kotztüten und andere Ekelfälle – die Blogschau

  3. Katharina Oerder schreibt:

    In diesem Artikel wird nichts anderes getan, als genau aufzuzeigen, wie die Berechnungen zum GenderPayGap zustande kommen. Mangelnde Nachvollziebarkeit, Wissenschaftlichkeit oder fehlende Datenanalyse kann man dieser Darstellung meiner Meinung nach nur wirklich nicht vorwerfen.

  4. crumar schreibt:

    Hallo,
    ich bin ziemlich verärgert, über Ihre Darstellung von und ihrem Verhältnis zu Wissenschaftlichkeit.

    Es fängt leider schon im Text mit einer willentlich falschen Bezeichnung von dem an, was das Statistische Bundesamt herausgefunden hat: Die 8% Unterschied, welche tatsächlich den gender-pay-gap darstellen sind nicht *illegetim*, sondern *unerklärt*.
    Und das Bundesamt fügt auch hinzu, es handele sich dabei um eine *Obergrenze*, weil weitere statistische Daten nicht herangezogen werden konnten, die auch diese 8% noch weiter minimieren würden.

    Die gängige Darstellung von Lohnunterschieden in feministisch inspirierten Veröffentlichungen operieren gerne mit ausgesprochener Rosinenpickerei und obskuren Vergleichen.

    Ein Sekretär im 18. Jahrhundert hatte als Qualifikation ein Hochschulstudium und ist mit der Tätigkeit und Qualifikation von dem, was im Zuge der Arbeitsteilung in Dienstleistungsberufen dann Sekretärin wurde überhaupt nicht zu vergleichen.
    Die sprachliche Analogie, die Sie herstellen existierte gar nicht in der Realität.

    Und wieso vergleichen Sie nicht das Gehalt eines Rettungssanitäters mit einer Bankkauffrau?
    Warum denn nicht ein Vergleich einer Erzieherin mit dem Einkommen einer Grundschullehrerin?
    Denn dann müssten Sie wohl einräumen, dass die eine Qualifikation eine Hochschulreife und ein Studium erfordert und die andere nicht,

    Ebenso obskur ist die Aufzählung von Ausbildungsberufen im medizinischen Sektor und eine behauptete männliche Dominanz in der Ärzteschaft.
    Sowohl sind laut Ärztekammer die Hälfte aller Ärzte Ärztinnen, als auch die Mehrzahl der Studienanfängerinnen Frauen.
    Sie suggerieren eine Diskriminierung, die nicht mehr existiert.

    Auch das Wort „Lebenslohnlücke“ ist eine lustige Umschreibung für den temporären Ausstieg von Frauen aus der Erwerbsarbeit.
    Zur Klarstellung: Natürlich liegt das an den mangelhaften Betreuungseinrichtungen für Kinder.
    Aber so dieser Ausstieg wegen eines Kindes erfolgt – wer sichert denn dann überhaupt die Ernährung der Frau, da sie selber kein Einkommen bezieht?

    Sie tun so, als würde das Einkommen der Männer als Vollzeit arbeitende Familienväter diesen selbst zur Verfügung stehen.
    Statt der Familie, die der Grund ist, weshalb er eher mehr als weniger arbeitet.
    In dieser Situation erfolgt natürlich ein Transfer von männlichem Erwerbseinkommen hin zur Familie – was der Gesetzgeber auch als Anspruch der Frau auf 50% des *Familien*einkommens gesetzt hat.

    Richtig wäre also, dieses Transfereinkommen auf den Lebenslohn anzurechnen; was Sie unterlassen.
    Sie operieren also mit einem Trick, um „Diskriminierung!“ brüllen zu können.

    Glaubwürdiger werden dadurch Ihre Ansprüche nicht.

    Gruß, crumar

  5. „Spätestens wenn Frauen aufgrund dieser ganzen Entwicklungen am Ende ihres Lebens auf Transferleistungen vom Staat angewiesen sind, wird deutlich, warum die Gleichstellung der Geschlechter keine persönlich Aufgabe der einzelnen Frau, sondern ein gesamtgesellschaftliche ist.“

    Es ist nicht Aufgabe des Staates Löhne festzulegen. Es ist vielmehr Aufgabe des einzelnen Arbeiters sich zu organisieren und ggfs um mehr Lohn zu kämpfen, wenn er am Markt zu erzielen ist.
    Aufgabe jedes Einzelnen ist es zudem in seine Berufswahl auch das Gehalt einfliessen zu lassen, was gegenwärtig Männer eher machen als Frauen.
    Zu den Transferleistungen: Man sollte hier auch noch die Transferleistungen zwischen den Geschlechtern bedenken: Bei Scheidung der Versorgungsausgleich: Beide Ehegatten gehen mit gleich viel erworbenen Rentenanwartschaften aus der Ehe. Und ansonsten die Witwenrente bzw. Unterhalt

    • Felicitas schreibt:

      @Christian: Der Markt ist doch kein von der Gesellschaft losgelöstes Wesen, das nach völlig eigenständigen Gesetzmäßigkeiten agiert: Natürlich spiegelt sich in den Löhnen, „die am Markt zu erzielen“ sind, gesellschaftliche Wertschätzung. Und die 8% des bereinigten Gender Gaps zeigen ja gerade, dass Diskriminierung nicht nur an der Berufswahl liegt.
      Zu den Transferleistungen: Nach dem neusten diesbezüglichen Urteil des Bundesverfassungsgericht wird von geschiedenen Eltern, sobals das jüngste Kind 3 Jahre alt ist, volle Erwerbstätigkeit gefordert. Da immer noch in ca. 90% der Fälle die Kinder nach einer Scheidung bei der Mutter leben, bedeutet das für viele Frauen eine enorme Belastung – vorherige etwaige Transferleistungen fallen da leider kaum ins Gewicht.
      @ Oldboy: Für mich klingt Ihr Kommentar so, als hätten Sie den Artikel gar nicht gelesen.

      • crumar schreibt:

        @Felicitas: das Problem liegt m.E. nicht an den von dir skizzierten Punkten der „gesellschaftlichen Wertschätzung“, sondern hat durchaus etwas mit der Berufswahl und dem konkreten Arbeitsplatz zu tun.

        Aber vorher wäre es vielleicht hilfreich, wenn den den unten angeführten Link von Frau Oerder nachgehen und das Dokument auf Seite 16 öffnen würdest und dort nachschaust, welche in die Statistik eingeflossenen Merkmale dort aufgeführt werden.
        Die schwarzen, arbeitsplatzbezogenen Merkmale sind es nicht.

        Von daher beruht auch die „unerklärte Differenz“ zu einem großen Teil auf Merkmalen, die schlicht statistisch nicht erfasst werden konnten.
        Dass destatis deshalb von den 8% explizit als *Obergrenze* spricht, hingegen von den famosen 23% gar keine Rede sein kann ist dir vielleicht unangenehm, aber es ist die Wahrheit.

        Und ich frage mich ehrlich gesagt, warum die Beseitigung einer Benachteiligung einer möglichst großen Zahl bedarf. Klappt es ohne Skandalisierung nicht?

        Gruß, C.

  6. Katharina Oerder schreibt:

    Allen Kritiern der Wissenschaftlichkeit der oben dargestellten Berechnungen empfehle ich gerne zusätzlich die Berechnungen des Statistischen Bundesamtes zum Gender Pay Gap: http://www.equalpayday.de/index.php?eID=tx_nawsecuredl&u=0&file=fileadmin/epd/dokumente/Dokumente_allgemein/20111219_Beck_EPD_Forum_Nuernberg.pdf&t=1335345434&hash=e8dcd8e2e6e7582dfeab2949667303598daf4969

    Diese wurden übrigens von einem Mann vorgenommen und präsentiert. Vielleicht halten Sie diese Quelle für glaubwürdiger?

  7. crumar schreibt:

    Hallo Frau Oerder,

    das Problem habe ich nicht unbedingt mit der Darstellung des Mannes von Destatis (mit seinen Schlüssen schon), sondern mit ihrer außerordentlich leichtfertigen Interpretation.

    Wenn Sie bitte die *von Ihnen* angeführte Studie auf der Seite 19 öffnen mögen, finden Sie eine der beiden Hauptursachen für die Entgeltlücke.
    Dort wird schlicht die Qualifikation und die auf dieser beruhenden beruflichen Position von Männern und Frauen verglichen.
    Der Anteil von ungelernten Arbeitnehmern ist 5,9%, der von Arbeitnehmerinnen 11,2% – also fast doppelt so hoch.
    Die leitenden Stellen verteilen sich übrigens mit 7,4% für Frauen zu 12,5% der Männer bei weitem nicht so spektakulär diskriminierend, wie behauptet wird.
    Eine Rolle spielt dies dennoch.

    Dass der Referent nun das Problem an der Spitze ansiedelt – „Frauen in höheren Positionen unterrepräsentiert“ lautet die Überschrift – ist wohl der Tatsache geschuldet, dass sein Zielpublikum nicht unbedingt aus ungelernten Arbeiterinnen besteht.
    Er empfiehlt demzufolge, was die soziale Schicht der Zuhörenden gerne von ihm hören will – und das ist nicht unbedingt schwesterliche Solidarität mit den Proletarierinnen.

    Die andere Ursache finden Sie auf der Folie 22, in der der Referent völlig richtig auch das Durchschnittsalter der Frau bei der Geburt des ersten Kindes mit 30,1 Jahren prominent in die Kurve einzeichnete. Da die Betreuungseinrichtungen für Kinder in Deutschland eine Katastrophe sind, steigen nunmehr Frauen aus dem Erwerbsleben aus und/oder reduzieren auf Teilzeit.
    Dies erzwingt für Männer die Rolle als Vollzeiternährer und vielfach zusätzliche Tätigkeiten, die mit Zuschlägen für Schicht-, Wochenend-, Feiertags- und Nachtarbeit entgolten werden (Seite 16). Solche Zuschläge finden sich dann im Bruttoverdienst pro Stunde, der bei Männern somit erklärlich in dieser Lebensphase von 15,93.- auf 19,94.- steigt.
    Diese zusätzlichen Belastungen werden im und durch den Lohn abgegolten – sofern noch solche tariflichen Regelungen existieren.
    Addieren Sie spaßeshalber einmal paarweise die jeweiligen Verdienste pro Stunde von Männern und Frauen und folgen meiner Transfertheorie.

    Das Problem ist jedoch, dass Frauen danach nicht die Möglichkeit geboten wird, die Möglichkeit gar nicht existiert oder – Vorsicht, ich sage jetzt etwas ungeheuerliches! – die Neigung nicht existiert, wieder Vollzeit zu arbeiten.
    Genau diese Vollzeitstelle ist jedoch die Voraussetzung für eine leitende (oder komplexe Tätigkeit).
    Das können Sie auch in zahlreichen Beispielen im öffentlichen Dienst nachvollziehen, wo die Besoldungsstufen zwischen den Geschlechtern gleich verteilt sind, die Frauen jedoch dominant in Teilzeit arbeiten und die Leitungspositionen mit Männern besetzt sind – die Vollzeit arbeiten.

    Dass der Referent nun als Maßnahme ernsthaft vorschlägt, die Stundenlöhne für Frauen müssten um 1,6% pro Jahr stärker steigen als die der Männer (Seite 24) ist für mich ungefähr der absurdeste Schluss den man ziehen kann.
    Wie und mit welcher abenteuerlichen Begründung soll so etwas durchgesetzt werden?

    Richtig ist m.E. seine auf Seite 26 geäußerte Einschätzung, dass nur langfristig sich wird etwas ändern können. Und mit der Berufs- und Branchenwahl von Frauen spricht er einen heiklen Punkt an, den Sie selber ergoogeln können, wenn Sie „Ausbildung nach Geschlecht“ und „Studium nach Geschlecht“ eingeben.
    Es hat sich – leider – so furchtbar viel nicht geändert.
    Und leider reproduziert das die Strukturen.
    Ich würde ja gerne junge Frauen zu ihrem Glück zwingen, mich lässt aber keiner. 😉

    Auch die Nutzung von Bildungschancen halte ich vor dem oben angeführten Dilemma der ungelernten Arbeitskräfte für eine Herausforderung (aus männerechtlicher Perspektive ist die Benachteiligung von Jungen beim Zugang zu Bildungschancen für mich ein Thema).

    Es gibt politisch viel zu tun, um Benachteiligungen zu beseitigen – unabhängig vom Geschlecht.
    Gruß, crumar

  8. Katharina Oerder schreibt:

    Der Unterschied in unseren Wahrnehumgen kommt meines Erachtens daher: ich halte signifikant geringere Entlohnung von Frauen auch dann für ein Problem, wenn erklärbar ist, woher das kommt.
    Dem fehlenden Wunsch von Frauen, wieder in den Beruf einzusteigen wiederspreche ich hiermit: http://www.boeckler.de/wsi_39052_39060.htm, http://www.boeckler.de/21936_21942.htm

  9. crumar schreibt:

    Hallo noch einmal,

    ich schrieb oben schon Felicitas als Antwort explizit und Ihnen auch implizit, dass bestimmte arbeitsplatzbezogene Merkmale nicht als Erklärung dienen können, weil diese nicht erfasst werden.
    Zuschläge für Schicht-, Wochenend-, Feiertags- und Nachtarbeit werden z.B. nicht erfasst und es ist wahrscheinlich, dass Männer solche Tätigkeiten nach Geburt eines Kindes dominant verrichten, um das gesunkene Familieneinkommen bei gleichzeitigem finanziellen Mehrbedarf durch ein Kind zu kompensieren.

    In dem von Ihnen angeführten Böckler Link wird dies ebenso gesehen:
    „Sind Kinder zu versorgen, arbeiten in der Regel Mütter kürzer. Väter dagegen bleiben bei Vollzeit und arbeiten sogar länger als ohne Nachwuchs.“
    Was ich – siehe oben – für logisch halte.

    Damit hätten Sie eine Erklärung, woher die im Vergleich geringere Entlohnung stammt, die nichts mit der Benachteiligung der Frau zu tun hat, sondern basiert auf Mehrarbeit bzw. Mehrbelastung des jeweiligen Mannes.

    Das Tarifsystem beruht darauf, Mehrbelastung und -beanspruchung durch den (konkreten) Arbeitsplatz zu entgelten.
    Und das ist prinzipiell ein zweischneidiges Schwert.
    So wird mit den Zuschlägen für Schichtarbeit genau das ausgedrückt: Die schädlichen gesundheitlichen Folgen (die wissenschaftlich bewiesen sind) werden mit dem Lohn natürlich nicht beseitigt, sondern kompensiert durch Geld.
    Da aber mehr als doppelt so viele Männer bspw. in einem 3-Schicht System arbeiten ist die Quelle der Mehreinkünfte nicht so schlecht nachzuvollziehen.
    Ähnlich verhält es sich mit Zuschlägen für Lärm, Dreck, Überstunden bspw.

    Die Logik dahinter ist, dass der durch die (Mehr-) Belastungen verursachte *vorzeitige Verschleiß* der Ware Arbeitskraft in Geld ausgedrückt und im Lohn abgegolten wird.
    Diese Mehrbelastung wiederum führt bei vielen Menschen zu einem vorzeitigen Ausscheiden aus dem Berufs- oder sogar Erwerbsleben – siehe Berufs- oder Erwerbsunfähigkeit.

    Auf die Lohnhöhe starren, aber sich nicht fragen, worauf diese basiert und welche individuellen und gesellschaftlichen Konsequenzen dies hat ist m.E. extrem verkürzt und Produkt einer sehr spezifischen Sichtweise einer sozialen Schicht.
    Vor diesem Hintergrund sehe ich auch Bemerkungen wie diese hier von Böckler:

    „Das männlich geprägte Konzept von Vollzeit als Standardmodell rechnet mit dem „sorgelosen Arbeitnehmer“, der sich mit ganzer Kraft dem Job widmen kann.“
    Der „sorgelose“ männliche Arbeitnehmer als Elternteil arbeitet anscheinend als Individuum nur für sich? Die „ganze Kraft“ stellt also kein Problem dar für diesen Menschen? Es ist m.E. eine zynische Interpretation von männlicher Sorge, die zum einen auf dem gängigen Modell von Männlichkeit beruht und zum anderen – das wird unterschlagen – auf den Zwang der Verhältnisse.

    Zum Abschluss möchte ich Sie auf die interessante Grafik im zweiten Link verweisen: „Mit oder ohne Kind, Frauen arbeiten kürzer“ und dort vor allem auf den Vergleich von Ost und West.
    Und – wenn Sie mögen – lesen Sie doch bitte einmal dies hier:
    http://www.aerzteblatt.de/pdf/AO/2/5/s2.pdf

    Schönen Gruß, crumar

  10. Pingback: Für die reale Gleichberechtigung | Rheinsalon

  11. onlyconnect1 schreibt:

    Vielen Dank für die sachliche und umfassende Darstellung dieses Themas, Frau Oerder.

  12. Pingback: Aber, ich als Frau… | Daran geht die Welt zugrunde

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