Brot und Rosen für Alle!

Feminismus ist eine Frage der Gerechtigkeit

von Helene Sommer

In den vergangenen Jahren hat der Feminismus gesellschaftlichen Boden zurückerobert. Wenn Aufsichtsratsquoten nun auch in konservativen Parteien diskutiert werden und sogar die CDU eine Frauenquote einführt, wenn in den Feuilletons wieder über feministische Fragen geschrieben wird und der Kampf für Geschlechtergerechtigkeit zumindest nicht mehr ausschließlich diffamierend aufgenommen wird, dann kann uns als FeministInnen das zunächst erst einmal freuen, auch wenn wir alle wissen, dass damit weder alles gut noch der Kampf gewonnen ist.

Die aktuellen feministischen Debatten, so wertvoll und richtig sie in vielen Teilen sind, haben aber auch die Gefahr, nur einer kleinen, relativ gut situierten Gruppe von Frauen gerecht zu werden. Es ist richtig, für mehr Frauen in Führungspositionen zu kämpfen, es ist richtig, Männerseilschaften in Unternehmen und politischen Organisationen zu entlarven, es ist richtig, die Quote für Aufsichtsräte, oder vielleicht besser auch Vorständen, zu fordern. Es ist aber gleichwohl wichtig sich vor Augen zu führen, dass die Durchschnittsfrau nicht an der gläsernen Decke kurz vor dem Aufsichtsrat scheitert.

Frau sein ist in Deutschland nach wie vor ein gravierendes Armutsrisiko. Wenn prekäre Beschäftigung um sich greift, dann greift sie vor allem nach Frauen. Wenn Leiharbeit Löhne drückt, dann geschieht dies auch in männlich dominierten Industriebranchen, vor allem aber in Dienstleistungssektoren, gerne in der Altenpflege. Wenn Altersarmut zunimmt, dann leben vor allem Frauen in den letzten Jahren ihres Lebens in Armut. Ein Paygap von 23 % bedeutet auch, dass Akademikerinnen im gleichen Job weniger verdienen als der Mann am Nachbarschreibtisch, vorallem aber bedeutet es, dass Frauen die Mehrheit im Bereich der Niedriglohnbeschäftigung stellen. Feminismus ist und bleibt eine soziale Frage.

Dem Feminismus würde es gut tun, darüber mehr zu diskutieren. Feminismus ist kein Kampf der Akademikerin für die Akademikerin. Ein progressiver Feminismus muss gesellschaftliche Realitäten wahrnehmen und angreifen – und für Brot und Rosen für alle Menschen streiten.

Helene Sommer ist Berliner Juso, Arbeitsmarktpolitikerin und studiert Politikwissenschaften.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Rheinsalon veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s