Frauen chatten – Männer spielen? Gleichstellung in der digitalen Gesellschaft

der Text ist in der aktuellen Ausgabe der spw – Zeitschrift für sozialistische Politik und Wirtschaft (spw 187) erschienen (http://www.spw.de/xd/public/content/index.html?sid=aktuellemeldungen).

von Pascal Geissler und Katharina Oerder

Das Internet und die Herausbildung einer digitalen Gesellschaft bieten jede Menge Stoff für Utopien, positive Hoffnungen und Perspektiven für eine Gesellschaft der Freien und Gleichen. Im Internet scheinen viele der Hürden, die gesellschaftlich die Gleichstellung der Geschlechter weiter behindern, nicht zu existieren. Der Idee nach, ist das Geschlecht bei Usern nicht auf den ersten Blick sichtbar, Stereotypen kann so aus dem Weg gegangen werden. Das Internet ist jederzeit nutzbar und kann so Problematiken der Anwesenheitskultur, die noch immer dem Fortkommen von Frauen auf dem Arbeitsmarkt entgegenstehen, entgehen.

Die (technischen) Voraussetzungen digitaler Kommunikation scheinen zumindest eine echte Gleichstellung möglich zu machen. Leider wird diese Vorstellung bei einem Blick in die Gegenwart herbe enttäuscht. Die Geschlechterungleichheit reproduziert sich auch im Internet.

Das Netz ist zugleich öffentlich und privat. Öffentlich, weil jedeR, der oder die eine Meinung äußert, Inhalte anbietet oder Angebote konsumieren will, dies tun kann. JedeR MediennutzerIn kann zugleich auch MedienproduzentIn sein. Meinungen können in Blogs veröffentlicht werden und müssen keine institutionalisierten Veröffentlichungshürden wie Verlage oder Redaktionen überspringen. NutzerInnen können Angebote nach ihrem Gusto ganz individuell zusammenstellen und müssen nicht auf vorgefertigte Angebotspakete zurückgreifen. Privat, weil jedeR sein kann, wer oder was er möchte. Niemand ist verpflichtet seinen Namen oder sein Geschlecht preis zu geben, um Inhalte anzubieten oder zu nutzen.

Ein männliches Netz

Wie sieht die Verteilung der Geschlechter im Netz aus? Hier sollte zwischen verschiedenen Verwendungstypen unterschieden und zwischen Angebot und Nutzung getrennt werden. In Sachen Netznutzung selbst sind keine gravierenden Geschlechterunterschiede mehr festzustellen. Einzig in der Altersgruppe ab 65 Jahren sind Frauen mit knapp 27 Prozent verglichen mit 45 Prozent der Männer (mindestens einmalige Nutzung) noch signifikant unterrepräsentiert. In allen anderen Altersgruppen befindet sich die Nutzung von Internetangeboten auf nahezu identischem, hohem Niveau von über 90 Prozent[1]. Klar ist auch, dass die Internet-Nutzung beider Geschlechter seit Jahren kontinuierlich steigt[2].

Unterschiede lassen sich allerdings in der Art und Weise ausmachen, wozu das Internet genutzt wird. In der JIM-Studie wird zwar nur die Altersgruppe der 12-19jährigen befragt, ihre Ergebnisse sind aber frappierend. Während bei der Informationssuche via Internet und der Nutzung von Unterhaltungsangeboten (z.B. YouTube) keine Unterschiede zwischen den Geschlechtern festzustellen sind, nutzen Jungen das Internet zu 25 Prozent zum „Spielen“ (Mädchen nur 6 Prozent). Wesentlich intensiver nutzen Mädchen (54 Prozent) das Internet zur „Kommunikation“ (Jungen nur 39 Prozent)[3]. Unterschiedliches Nutzungsverhalten lässt sich nun vermutlich sehr leicht über gesellschaftliche Rollenerwartungen und der Reproduktion solcher Stereotype in Erziehung und Bildung erklären. Das heißt aber, das Netz nivelliert geschlechtliche Unterschiede nicht per se, sondern manifestiert, ja verstärkt diese unter Umständen sogar.

Neben der reinen Nutzung des Internets in einem Konsum-Sinne ist aber die Frage des Angebots im Internet von besonderem Interesse. Das gesellschaftlich so revolutionäre Moment ist ja gerade, dass jedeR Angebote im Internet bereit stellen kann, die die Muster der etablierten Informationsanbieter (Tageszeitung oder Nachrichtenprogramme) zwar imitieren, aber ohne deren Hierarchien wie Redaktionen, Ressorleitern etc. auskommen. Dieser Zustand löst bei den Einen große Begeisterung aus, für Andere ist er der GAU. An dieser Stelle können mit Blogs und Wikipedia nur zwei Indikatoren heran gezogen werden, die aber auf einen zentralen Unterschied hinweisen. Blogs sind der Prototyp der Möglichkeit ein eigenes Informationsangebot zu schaffen. Durch die oben beschriebene Privatheit kann nur bei einem Teil der Blogs genau überprüft werden, welches Geschlecht dahinter steckt. Allerdings fällt bei diesen dann auf, dass im Bereich der Erwachsenen Männer die deutlich größere Gruppe (63 Prozent) stellen. Dies ist umso überraschender, weil bei der Gruppe der Heranwachsenden es die Mädchen sind, die die Mehrheit (58 Prozent) der Blogs anbieten. Junge Frauen betreiben dabei überdurchschnittlich viele Blogs im Tagebuch-Stil, während erwachsene Männer überdurchschnittliche viele Spezialthemen-Blogs betreiben[4]. Erweitert man die Perspektive auf eines der bekanntesten Online-Angebote, die Wikipedia, wird das Gender-Gap überdeutlich. Nur 6 Prozent der aktiven AutorInnen in der Online-Enzyklopädie sind weiblich[5]. Den Autoren von Wikipedia ist dies zwar einerseits bewusst, in einem gewissen Post-Gender-Verständnis wird dies jedoch nicht als Problem wahrgenommen. Autorinnen und geschlechtersensible Autoren selbst berichten von einer ablehnenden Haltung vieler Wikipedia-Autoren gegenüber Geschlechterfragen und denen, die sie thematisieren, welche an Mobbing grenze. Immer wieder berichten Frauen, die für Wikipedia schreiben, von frauenfeindlichen Beschimpfungen und Hass-Tiraden.

Eine letzte Anmerkung zur Geschlechterungleichheit im Netz sei aus alltagsempirischer Perspektive erlaubt. Betrachtet man, wer eigentlich über das (und nicht im) Internet redet und diskutiert, trifft man fast ausschließlich auf Männer. Auf Kongressen, Konferenzen oder Barcamps dominieren Männer sämtliche Podien. Frauen sieht man nur selten oder allenfalls als Moderatorinnen für Diskussionsrunden von Männern. Diese Situation ist sicher eine Konsequenz aus der Internet-Dominanz der Männer, denn natürlich liegt es nahe, diejenigen offline diskutieren zu lassen, die auch online besonders prominent sind. Systematisches Handeln gegen diese Situation läuft selbst bei denen, die die Situation erkennen, so lange ins Leere, wie auf Anbieterseite kaum Frauen zu finden sind. Zu dieser Situation gibt es allerdings eine interessante Gegenentwicklung. Unter dem Schlagwort „Netzfeminismus“ formieren sich eine Reihe von Aktivistinnen und Blogs, die das Netz als neues Instrument der Organisation des Feminismus und als Medium entdeckt haben, mit dem tatsächlich hierarchiefrei auf Alltagsdiskriminierung und Ungerechtigkeiten hingewiesen werden kann. Das Blog http://netzfeminismus.org/ listet beispielsweise viele feministische und netzfeministische Seiten auf und weist auf Veranstaltungen und aktuelle Themen hin.

Diese werden allerdings genau durch jene jungen Frauen dominiert, die sich, gut ausgebildet, auch offline lauthals – und selbstverständlich zu recht – für ihre Belange einsetzen können.

Das Netz als Spiegel gesellschaftlicher Probleme

Auf der Suche nach den Ursachen für die auch im Netz festzustellende Geschlechterungleichheit sind passende Antworten schwierig. Von der technischen Seite her sind im Netz alle Voraussetzungen gegeben, die Idee hierarchie- und damit diskriminierungsfreier Kommunikation zu verwirklichen. Allerdings ist diese theoretische Annahme nur zwingend, wenn man dem Irrtum folgt, das Netz als eigene gesellschaftliche Sphäre zu betrachten. Viel zitierte Begriffe wie ‚Netzcommunity‘ oder einer ‚digitalen Parallelwelt‘, die in einigen Fällen sogar die Flucht aus der vermeintlich realen Welt ermögliche, sind gravierende Fehleinschätzungen des Status, den das Internet in der modernen Gesellschaft hat. Die moderne Gesellschaft ist eine von der Digitalisierung und mit allgegenwärtiger Kommunikations- und Informationstechnologie durchdrungene Gesellschaft. Smartphones ermöglichen unabhängig von Zeit und Ort online zu sein, die moderne Arbeitswelt kommt ohne digitale Technologien nicht mehr aus und selbst vermeintlich wenig technisierbare Berufe setzen verstärkt auf digitale Hilfsmittel, z.B. bei Fragen der Arbeitsorganisation. Schulische und universitäre Bildung ist ohne den Zugang zu digitalen Ressourcen nicht mehr denkbar und die ‚neue Öffentlichkeit‘ von Politik ist eine Fortschreibung der klassischen politischen Öffentlichkeit mit anderen Mitteln. Die moderne Gesellschaft ist digital und Probleme, die die Gesellschaft hat, werden im Netz reproduziert, möglicherweise verstärkt, in jedem Fall aber einer neuen Beobachtungsdimension zugänglich. Die Geschlechterungleichheit in der digitalen Sphäre ist entsprechend kein neues Problem, sondern ein altes Problem in neuen Gewändern.

Ursachen

Statistiken zeigen die hohe Durchsetzung des Internets, unabhängig vom Geschlecht. Nach diesen Analysen ist nicht davon auszugehen, dass Frauen keinen Zugang zum Internet haben, warum stellen sich die Nutzungsanalysen sowie anekdotische Evidenz dann so ganz anders dar?

Ein Problem lässt sich sicherlich in der Erhebungsweise des statistischen Bundesamtes ausmachen. Danach zu fragen wer jemals mit dem Internet in Berührung gekommen ist, bzw. als Advanced-Nutzer beschrieben zu werden, wer innerhalb der letzten drei Monate Kontakt mit dem Internet hatte, stellt sicherlich keine sinnvolle Kategorie in der Frage der Internet-Nutzung, wie die ‚Netzcommunity‘ sie versteht, dar. Wichtig ist es hierbei, stets aktuell zu sein, häufig zu schreiben, zu posten oder zu twittern um die richtige „Street-Cred“ zu bekommen und mitreden zu können[6].

Hier setzt sicherlich eine große Hürde für Frauen an. Alle Studien zeigen, dass sich gerade in der Lebensphase, in der sich ExpertInnenwissen zu einem Thema entwickelt, Frauen von der „Rush-Hour“ des Lebens besonders betroffen sind. Frauen haben schlichtweg statistisch gesehen weniger Freizeit als Männer. Um es einfach und zugespitzt zu sagen: während die Frau den Haushalt macht und die Kinder ins Bett bringt, sitzt der Mann am heimischen PC und surft durch das Netz. Die von der Idee her aufgehobene örtliche Anwesenheitskultur des Arbeitsmarktes entwickelt sich im Netz zu einer zeitlichen Anwesenheitskultur. Wer nicht innerhalb von drei bis vier Stunden postet ist „raus“.

Auch die Intensität des Kontaktes mit Technik, Computern und Internet wird noch immer viel über den Arbeitsplatz geregelt. Typisch weibliche Berufe kommen häufig mit weniger Computer- und Internetkontakt aus, als typisch männliche. Und solange noch immer nur knapp über 60 Prozent aller Frauen in Deutschland überhaupt erwerbstätig sind, lässt sich eine Auflösung des Gender-Gaps mit Blick auf Repräsentativität im Internet kaum herstellen.

Technikaffinität von Männern und die ihnen in diesem Zusammenhang größere Kompetenzzuschreibung, die Pflege weniger einzelgängerischer Hobbys von Frauen sowie ein noch immer häufig fehlendes Sendungsbewusstsein von Frauen (wer im Internet seine Meinung verbreitet muss der Überzeugung sein, diese sei es Wert gehört zu werden) tragen ihr übriges zur Festschreibung tradierter Rollenbilder bei.

Bei der Betrachtung des Internets ist es wichtig, sich klar zu machen, dass es nicht mehr ist, als es eben ist. Gesellschaftliche Probleme können verstärkt oder abgeschwächt werden, sich jedoch nicht völlig verändern. Das Internet ist ein Spiegel unserer Gesellschaft, die Hoffnung, dass sich dort Probleme lösen lassen, die wir seit Jahrhunderten offline nicht in den Griff bekommen wäre ebenso fatal wie der Glaube, es würden sich völlig neue, von der offline-Welt losgelöste Problemlagen entwickeln. Gerade Wissensplattformen wie Wikipedia sind in fester Männerhand. Wikipedia repräsentiert das Wissen unserer Gesellschaft, und dieses wird von jungen, weißen Männern dominiert.

Das Internet spiegelt Geschlechterdifferenzen der Gesellschaft wider. Es verstärkt sie an manchen Stellen, es schwächt sie ab an anderen. Aber es löst sie nicht auf.

Pascal Geissler promoviert in Soziologie an der Universität Duisburg-Essen und ist Mitglied im Juso-LandesvorstandNRW

Katharina Oerder promoviert in Psychologie an der Universität Bonn und ist  stellv. Juso-Bundesvorsitzende


[1]         Statistisches Bundesamt 2010: Fachserie 15, Reihe 4.

[2]         (N)Onliner Atlas 2011; Nutzung und Nichtnutzung des Internets und regionale Verteilung, S. 15; http://www.nonliner-atlas.de

[3]         Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest: JIM-Studie 2010. Jugend, Information, (Multi)Media. Basisuntersuchung zum Medienumgang 12-19-Jähriger.

[4]         Herring, S. C./ Scheidt, L. A./ Bonus, S./ Wright, E. 2008: Bridging the Gap: A Genre Analysis of Weblogs. Proceedings of the 37th Annual Hawaii International Conference on System Sciences; http://doi.ieeecomputersociety.org/10.1109/HICSS.2004.1265271

[5]         Merz, M. & Döring, N. 2010: Aktive Beteiligung an Wikipedia aus sozial-kognitiver Perspektive; 47. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Psychologie, Bremen, 26.-30. September 2010; http://www.purl.org/merz/20100926

[6]              Entsprechend fällt auf, dass unterschiedliche Studien teilweise zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen. Der (N)Onliner-Atlas weist z.B. eine 10 Prozent-Lücke bei der geschlechterspezifischen Internetnutzung auf, die in der Erhebung des Statistischen Bundesamts nicht auszumachen ist.

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2 Antworten zu Frauen chatten – Männer spielen? Gleichstellung in der digitalen Gesellschaft

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