Abgesang auf die Familie

Dieser Artikel ist ein Gastbeitrag von Sonja Profittlich

Absage an die Familie? – So titelt die Süddeutsche Zeitung und bezieht sich dabei auf die neuesten Statistiken, die in der Tat belegen, dass in Deutschland trotz massiver familienpolitischer Initiativen nach wie vor wenig und nicht genug Kinder geboren werden. Unter den europäischen und westlichen Ländern gehört Deutschland weiterhin hinsichtlich der Geburtenzahl zu den Schlusslichtern. Liegt es nur daran, dass trotz aller Bemühungen um eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf eine flächendeckende Betreuung immer noch Zukunftsmusik ist, genau wie eine gleichberechtigte, familienfreundliche Gestaltung von Arbeitszeiten und Arbeitsräumen? Oder ist die Schranke nicht viel mehr in den Köpfen, gelten doch Kinder in Deutschland immer noch als Karrierehindernis und Freiheitsbeschränker?

Die französische Philosophin und Professorin Elisabeth Badinter gab jüngst zu bedenken, dass das deutsche Gesellschaftsklima die Frauen davon abhält, Kinder zu bekommen – aus Angst vor der damit verbundenen übergroßen Erwartungshaltung. Die gesellschaftliche Debatte in Deutschland um Mutterschaft und die Rolle der Frau ist – nicht zuletzt immer wieder angeheizt durch das männlich dominierte Feuilleton großer Tageszeitungen und Wochenzeitungen – von einer erschreckend angestregenden, ja zwanghaften Qualität. In keinem anderen Land der westlichen Industriegesellschaft wird so besessen um die Rolle der Frau diskutiert wie in Deutschland – und darum, was eine „gute Mutter“ ausmacht. Das mag historische Gründe haben: so wurden zwar viele nationalsozialistische Zöpfe in den Nachkriegsjahrzehnte abgeschnitten und ideologisch demontiert, der „Mutterkult“ aber wohl als nicht wesentlich genug zur Dekonstruktion empfunden. Wohl mehr als nur eine Generation ist Geistes Kind einer Epoche, die ein geradezu überbordendes Bild der Mutter entworfen hat.

Kinder zu bekommen und Eltern zu werden, dass ist in Deutschland bis heute keine Privatangelegenheit (auch das eine historische Tradition, die bis ins Kaiserreich zurück verfolgt werden kann). Meine eigene Erfahrung ist keine andere: Nie zuvor hat eine meiner ganz persönlichen Lebensentscheidungen eine derart hohe Anzahl an Kommentaren heraus gefordert, an ungefragten Ratschlägen und grundsätzlichen Ausführungen, wie ich mich nun zu fühlen und zu verhalten habe geführt, wie meine Entscheidung, ein Baby zu bekommen. Viele dieser Kommentare waren besonders auf meine neue „emotionale Tiefe“ bezogen – darauf, wie ich mich denn in Zukunft emotional zu meinem Baby zu verhalten habe. Denn, und dies war nicht nur Tenor meiner persönlichen Ratgeber sondern auch der öffentliche Debatte: wenn eine Frau Mutter wird, dann ist sie kein Individuum mehr. Im Gegenteil, aufgrund der „natürlichen Vorhersehung zu Mutterschaft“ kann eine Frau nur auf eine, immer gleiche Weise auf ein Baby reagieren: mit Euphorie und völliger Hingabe. Das Internet ist voll von den Hilfeschreien oft junger Frauen, die der Meinung sind, die Vorgaben hinsichtlich des Ausmasses an Liebe und Selbstlosigkeit, das nun von ihnen erwartet wird, nicht zu erfüllen. Wehe der Rabenmutter, die Anspruch auf ein eigenes Leben erhebt und wieder arbeiten, studieren oder ähnliches will. Es ist diese Ausschließlichkeit, die Angst macht, ein Kind zu bekommen. Und es ist das öffentliche Beitreten der gesellschaftlich erwünschten inneren Haltung zu einer der großen, sehr privaten Entscheidungen im Leben. Das in der Debatte um Herdprämien, Vätermonate, Stillzeiten und Rentenkassen die Entscheidung zur Elternschaft ein politischer Akt ist, der von links wie rechts gleichermaßen kritisch beäugt wird, ist mit Sicherheit ebenso wenig hilfreich.

Politik kann die Einstellung einer Gesellschaft nicht von heute auf morgen verändern. Dass sie aber sehr wohl langfristige Umdenkprozesse initiieren kann, beweisen die politischen Richtungswechsel der 1970er und 1980er Jahre. Eine Abkehr von der neuen Familienpolitik würde nur ihren konservativen Gegner/innen zu Pass kommen. Vielmehr muss der Ausbau der Betreuungsangebote zügig vorangehen, ebenso wie die familiengerechte Gestaltung von Arbeitsplätzen. In zehn Jahren kann man auf der Grundlage des heutigen eine aussagekräftige Bestandsaufnahme machen. Nicht vorher.

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