MigratInnenquote versus Frauenquote?

Die Frauenquote und eine MigratInnenquote mögen ähnlich klingen, dennoch funktionieren beide Mechanismen unterschiedlich

Seit Anfang Mai tobt eine Debatte in der SPD, über eine mögliche MigrantInnenquote in parteiinternen Gremien. Lanciert in der Presse (http://www.welt.de/politik/deutschland/article13320414/SPD-will-sich-eine-Migrantenquote-verordnen.html) wurde sie bereits am 9. Mai im SPD Parteivorstand auf Siegmar Gabriels ausdrücklichen Wunsch durchgedrückt (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,761572,00.html).

Die SPD soll bunter werden, vielfältiger, das ist ein hehres Ziel. Ob das jedoch über eine Qutoe von 15% in parteiinternen Gremien durchgesetzt werden kann scheint mehr als fraglich. In Veranstaltungen und Diskussionsrunden zu diesem Thema haben auch die NRWJusos über ihre Position dazu debattiert, unter anderem gestern abend in einer gut besuchten Veranstaltung in Hamm. Kritik und diskussionsbedarf gab es dabei an vielen Ecken und Enden, denn sowohl bei der Quote selbst, als auch dem Verfahren der „Einbringung“ sind noch viele Fragen offen geblieben.

Teile der KritikerInnen stellen die Wirksamkeit einer solchen Quote in Frage. Welche Strahlkraft hat ein Migrant mit französischer Mutter in die türkische oder russische Community? Die Befürchtung bleibt, dass eine Quote als Feigenblatt die nötigen integrationspolitischen Maßnahmen sowohl innerhalb der SPD als auch in ihren politischen Forderungen überlagert.

Große Kritik gibt es auch an dem Zeitpunkt, der Offenbarung dieses Vorschlages. Kurz nachdem die SPD den Antrag auf Ausschluss von Thilo Sarrazin aus der Partei zurückgezogen, und damit viele ihrer Mitglieder mit und ohne Migrationshintergrund brüskiert hat, kommt die MigratInnenquote wie eine schale „Wiedergutmachtung“ daher. Das hat schon ein Geschmäkle.

Teile der Kritik kommt jedoch auch ganz praktisch daher: wie bitte schön sollen wir den Migrationshintergrund von Menschen feststellen? Sollen wir auf dem nächsten Parteitag unsere Geburtsurkunde mitbringen? Und wenn ja, was müsste da draufstehen? Ausländischer Pass, ausländischer Geburtsort, ausländische Großeltern, was macht einen Menschen zu einer/m Migrant/in?

Teile der Kritik sind jedoch auch ganz generell an dem Instrument der Quote, die beispielsweise besagt, Vorstände sollten rein nach Leistungsprinzipen besetzte werden. Quoten, egal ob MigratInnen oder Frauenquoten seine eine unlautere Wettbewerbsverzerrung.

Diesem letzten Argument muss ich lauthals widersprechen. Frauen- und MigratInnenquoten sind NICHT das selbe, sie wirken NICHT nach den gleichen Prinzipien.

Frauenquoten versuchen strukturelle Diskriminierung, die aufgrund des „Frauseins“ entstehen auszugleichen. Menschen mit Migrationshintergrund haben ebenfalls oft mit struktureller Diskriminierung und/oder Rassismuss zu kämpfen. Diese Diskriminierung lässt sich jedoch nicht am Migrationsstatus festmachen. Die Diskrminierungsmechanismen greifen dann, wenn der Migrationshintergrund am Erscheinungsbild, dem Aussehen oder dem Namen abzulesen sind. Vielmehr sind es noch immer ungleich verteilte Bildungs-, Einkommens- und Aufstiegschancen, die zu Diskriminierung führen. Ein Migrationshintergrund, den man weder sieht noch hört (wie es beispielsweise bei mir der Fall ist)  ist keiner strukturellen Diskriminierung unterworfen. Das ist bei Frauen anders.

Viele Gruppen werden werden von der SPD nicht in ausreichendem Maße repräsentiert. Arbeitnehmer beispielsweise oder junge Familien kommen in unseren Reihen und unseren Gremien viel zu selten vor. Bei Menschen mit Migrationshintergrund ist das ebenfalls der Fall. Diese Merkmale sind jedoch weder distinkt noch unveränderlich. Wie lange beispielsweise bleibt man ein Migrant, wann ist man fertig Integriert? Das ist bei Frauen anders.

Des Weiteren bliebe eine MigratInnenquote eine Minderheitenquote, denn es gibt mehr Menschen in Deutschland, die keinen Migrationshintergrund haben, als solche die einen haben. Viele Minderheiten wollen und sollen repräsentiert und integriert werden. Homosexuelle Menschen, Behinderte, junge Menschen, Bewohner der ehem. DDR. Minderheitenquoten funktionieren nach anderen Maßstäben, die SPD kann kaum über Quotenregelungen allen Gruppen gerecht werden. Auch das ist bei Frauen anders. Frauen sind in Deutschland keine Minderheit.

Deshalb ist in der Debatte eine MigrantInnenquote nicht mit der Frauenquote gleichzusetzen und eine Ablehnung der einen kommt nicht der in Fragestellung der anderen gleich.

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5 Antworten zu MigratInnenquote versus Frauenquote?

  1. Ton schreibt:

    Dem kann ich nur zustimmen. Ansonsten bräuchten wir auch Quoten für arme Menschen (gibt es in den Führungsgremien der Partei überhaupt keine), ArbeiterInnen, Ältere (nur eine Person ist über 60 Jahre alt), Alleinerziehende, Arbeitslose, … .

  2. ProQuote schreibt:

    Liebe Katharina,

    schade wie du hier versuchst zwei Zeilrichtungen argumentativ gegeneinander auszuspielen, müsste gar nicht sein-außer man braucht ein stillistisches Mittel um sich gegen die Migrationsquote in Stellung zu bringen. In deinem Beitrag finde ich leider nur zwei Argumente: Menschen mit Migrationshintergrund seien nicht per se von struktureller Diskriminierung betroffen (so wie Frauen) und: sie seien anders als Frauen eine Minderheit.

    Zum letzten Argument: mit einem Bevölkerungsanteil von 20% in der Gesamtbevölkerung und 60% in Städten wie Frankfurt und Berlin bei den Ersklässlern, handelt es sich bei Menschen mit Migrationshintergrund um eine wachsende Gruppe von Menschen, die aufrgund unterschiedlicher rechtlicher Stati institutionell unterschiedliche Rechte haben, was sich konkret an ihren Teilhabechancen und -möglichkeiten auswirkt.

    Zum ersten Argument: Schau dir bitte die Statistiken zum Bildungs- Ausbildungs- und Arbeitsmarkterfolg an-gerne differenziert nach Herkunftsland (einschlägige Literatur: Boos-Nünning; Geißler, Granato; Kalter). Dann wirst du feststellen, dass es strukturelle Diskriminierung gibt, die im Ausmaß und in der Tragweite so massv sind, dass sie ihres gleichen suchen. Die SPD und auch die Jusos können es sich gar nicht leisten auf die nachwachsende Generation zu verzichten….im Gegenteil: ich frage mich eher wo denn die Jusos ihre Vorbildfunktion in der einbindung leisten? Ich sehe niemanden im Bundesvorstand, von den Landesvorständen ganz zu schweigen….

    Menschen mit Migrationshintergrund aus den klassischen Gastarbeiter-Anwerbe-Staaten sind einem krassen strukturellen Rassismus ausgesetzt, der sich auch in der SPD und bei den Jusos abbildet (Literatur u.a. Weiß, Terkessidis, Mecheril). Wenn man nicht zufrieden ist mit der Definition des Statistischen Bundesamts, die keine Differenzierung nach Staaten vornimmt, ist das doch kein Ausschlussargument. Vielmehr sollte man sich überlegen, wie man diese Herausforderung lösen kann. Diese ablehnende Haltung zeigt für mich nur den rückwärtsgewandten Strukturkonservatismus der Jusos, bei denen die Nachwuchsfunktionäre auch nur an ihre eigene nächste Gremienwahl denken…oder?

    • Katharina schreibt:

      Liebe/r proquote,
      das stimmt, ich bin gegen die Quote, aus den von mir genannten Gründen. Deshalb versuche ich mich nicht stilistisch sondern inhaltlich gegen die MigratInnenquote zu wenden. Wie ich auch in dem Beitrag geschrieben habe gibt es natürlich Diskriminierungen, von denen Menschen mit Migrationshintergrund betroffen sind, diese macht sich aber nicht am Migrationshintergrund fest. Es betrifft vorallem die Menschen, denen man diesen Migrationshintergrund ansieht. Mir zum Beispiel sieht man meinen Migrationshintergrund nicht an, und kann ihn auch an meinem Namen nicht erkennen. Deshalb war ich von struktureller Diskriminierung nicht betroffen.
      Du hast sicherlich recht, wenn du sagts, Bundes- und Landesvorständen seinen nicht bunt, nicht vielfältig genug. Aber mit einer MigratInnenquote wäre dem nicht abgeholfen. In unserem Juso-Landesvorstand in NRW sind beispielsweise mindestens vier Menschen mit Migrationshintergrund.

  3. Pingback: Brauchen wir eine MigrantInnenquote? « NRW Jusos – Blog

  4. Pingback: Quotierungen | goerengeplaerre

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